Hufschutz, Sinn & Unsinn

09.2009
Wenn wir einmal ehrlich sind: Wer hat beim Kauf eines Pferdes je zuerst den Blick auf dessen Hufe gerichtet, bevor er sich von seinem hübschem Kopf oder seinem herrlichen Gangwerk bezirzen ließ? Zwar kennt jeder Reiter den Spruch “Ohne Huf kein Pferd”, zwar mahnte schon der heute wieder so gern zitierte Xenophon, “zuerst die Hufe zu betrachten” -- doch selbst wenn wir vom “Fundament” unseres Sportpartners sprechen, meinen wir damit die Beschaffenheit seiner Bänder und seines Bindegewebes, nicht aber seine Hufe, die doch der Lexikon-Definition des Begriffes Fundament viel eher entsprächen: “Unterbau eines Bauwerks, der dessen gesamte Lasten in den Baugrund überträgt.”

Dabei sollte man gerade an diesem Knackpunkt der Pferdeanatomie von vorn herein möglichst wenig Kompromisse eingehen. “Das krieg ich schon hin”, sollte nicht der Gedanke sein, der den ersten Blick auf die möglicherweise suboptimalen Hufe des auserwählten Sport- oder Freizeitpartners prägt. Während sich die pferdebegeisterte Welt beim Bundeschampionat über immer schönere und immer ganggewaltigere Pferde freut, betrachten Hufschmiede wie der Warendorfer Reha-Spezialist Uwe Lukas die Entwicklung in der Pferdezucht zunehmend stirnrunzelnd: “Eigentlich hat die Qualität in der Zucht in Bezug auf die Gliedmaßenstellung nachgelassen; zudem fördern die immer größeren Bewegungen den frühen Verschleiß der Pferde. Hier ist natürlich auch vernünftiges Reiten gefragt, aber die vernünftige Zucht schafft die Grundlage.”

Steht das Wunschpferd in der heimischen Box, gilt es zu entscheiden, was für seine Hufe das Beste ist. “Ob es barfuß laufen kann oder einen Beschlag braucht, hängt von einer ganzen Reihe von Faktoren ab, die der Besitzer mit dem Schmied, manchmal aber auch zusätzlich mit dem Tierarzt klären sollte”, so Uwe Lukas. Grundsätzlich gilt beim gesunden Pferd: Ein Hufschutz wird erst notwendig, wenn der Abrieb größer ist als das Hornwachstum. “Das erkennt dann auch der Laie daran, dass sein Pferd – vor allem auf hartem Boden – fühlig geht. An diesem Punkt gibt es zwei Möglichkeiten – entweder bekommt das Pferd eine Weidepause, damit das Hufhorn nachwachsen kann, oder ein Hufschutz muss her. In dieser Situation sollte man aber keinem Hufschmied von vornherein unterstellen, dass er unbedingt darauf aus ist, einem Pferd Eisen zu verpassen. Bei den meisten Kollegen beträgt das Verhältnis zwischen beschlagenen Pferden und Barhufern ca. 50:50.”

Natürlich ist die Weidepause ein tierschützerisches Ideal – und ein Luxus, den sich nur wenige Pferdebesitzer leisten können oder wollen. Für Barhuf-Befürworter wie Jochen Biernat, Leiter des Deutschen Instituts für Huforthopädie, gilt an diesem Punkt bedingungslos: “Die per Gehhilfsmittel Hufeisen möglich gewordene Nutzung des Pferdes auch auf untüchtigen Hufen wirkt sich nachteilig auf die Huf- und Pferdegesundheit aus. Wenn ein Pferd wegen Untüchtigkeit seiner Hufe nicht laufen kann, dann sollte es dies auch nicht müssen.” [1]
Doch für Uwe Lukas, dessen Klientel vom Freizeitreiter bis zum Kadersportler reicht, gilt es, unabhängig von jeder noch so engagiert klingenden Ideologie den gelungenen Kompromiss zwischen Natur und Sport zu finden. “Neben angeborenen Faktoren wie der Hufform und der Gliedmaßenstellung spielen natürlich auch das Trainingsvolumen, die Bodenverhältnisse und vor allem die Haltung eine große Rolle. Nur durch Bewegung wird das Pferd in die Lage versetzt, gesundes Hufhorn zu produzieren. Je mehr es steht, desto weniger ist seine Nährstoffversorgung gewährleistet. Der Versuch, ein Pferd mit schlechten Hufen vor sich selbst zu schützen, indem man ihm den 'hufgefährdenden' Weidegang verweigert und es in die Box verbannt, ist also ein Teufelskreis.”
Auch die richtige Hufpflege, die ja ein untrennbarer Teil der Haltung ist, hat für Uwe Lukas nichts mit einem möglichst großen Sortiment an Mittelchen zu tun: “Am wichtigsten ist es, die Box ordentlich sauber zu halten. Zusatzfutter können manchmal sinnvoll sein, doch gilt es auch hier gemeinsam mit dem Tierarzt zu entscheiden, denn man kann den Stoffwechsel auch dazu bringen, jede Eigenproduktion etwa von Biotin einzustellen. Und ein Huf, der dreimal täglich eingefettet wird, kann keine natürliche Feuchtigkeit mehr aufnehmen.”

Ist die Entscheidung für einen Beschlag gefallen, gilt es, den richtigen Schmied zu finden. Angesichts des Wustes an Berufsbezeichnungen und der unbefriedigenden Ausbildungssituation rings um den Huf in Deutschland, empfiehlt Uwe Lukas ganz konkret: “Fragen Sie jemanden, der einen guten Ruf hat. Wenn er selbst keine Zeit hat, bitten Sie ihn, einen Kollegen zu empfehlen. Haben Sie keine Scheu, den Schmied zu bitten, Ihnen sein Prüfungszeugnis zu zeigen. Und vergessen Sie nicht: Ideologien haben am Pferd nichts zu suchen, ganz gleich, ob jemand behauptet, jedes Pferd könne barfuß laufen, oder ob ein Kollege jeden Huf in den 45'-Winkel zwingen will.”

Denn genau wie für den Ausbilder und Reiter gilt es auch für den Schmied, Faktoren wie die natürliche Schiefe des Pferdes zu beachten. “Ein nach rechts gebogenes Pferd hat oft einen flacheren und breiteren rechten Vorderhuf. Bei Problemen mit der Biegung sollte sich auch der Schmied das Pferd durchaus vorführen oder sogar vorreiten lassen. Ein schiefes Pferd kann vier unterschiedliche Hufe haben – und der beste Hufschmied ist unter Umständen nicht der, der sie in eine symmetrische Form presst, sondern der, der sich den individuellen Gegebenheiten am besten anpassen kann.”
Ob der Schmied gute Arbeit geleistet hat, lässt sich zunächst einmal denkbar einfach erkennen. Sofern kein gesundheitliches Problem vorliegt – so kann etwa durch das Hochheben der Beine eine Arthrose aktiviert werden, was dann zu akuten Beschwerden führen kann –, sollte das Pferd direkt nach dem Beschlag genau so laufen wie vorher oder sogar besser.

“Im Prinzip”, so Uwe Lukas, “ist Dressurreiten Physiotherapie fürs Pferd. Das Pferd wird durch Gymnastizierung dahin gebracht, dass es sich ausbalanciert bewegen kann. Wenn wir da noch ein bisschen unterstützen können, ist das schön -- das Feintuning leisten und das Letzte in der Bewegung unterstützen, niemals aber herauskitzeln. Handwerk und Anatomie können sich natürlich ein Stück weit ergänzen, aber Schmied und Pferdebesitzer müssen auch die Grenzen kennen. Viel zu oft unterstützt man durch die heutigen Korrekturmöglichkeiten die Irrwege in der Zucht.”
Dennoch betont Uwe Lukas noch einmal: “Es steht nirgendwo geschrieben, dass ein Pferd auch bei sportlicher Nutzung nicht barfuß gehen kann. Ich habe Kunden, deren Pferde gehen ohne Eisen bis Grand Prix. Und manchmal kann es auch bei Problemen beim beschlagenen Pferd die beste Therapie sein, es ohne Eisen zu versuchen.”

Während Jochen Biernat (Begründer der nicht geschützten Berufsbezeichnung “Huforthopäde”), neben der noch kompromissloser agierenden Hiltrud Straßer (“Hufheilpraktiker”)der bekannteste Prediger des Barhuflaufens, den Hufbeschlag als “notwendiges Übel” pauschal ablehnt, herrschen bei der BESW Hufakademie abgeklärtere Töne. In einem extrem lesbaren und umsichtigen Workshop-Vortrag zum Thema “Wie erkenne ich gute Arbeit am Huf?” stellt der Ratinger Huftechniker Carsten Burchard zum Krieg der Ideologien in der Hufpflege sachlich fest: “Ziel jeglicher Arbeit am Huf ist die Erhaltung oder gegebenenfalls Wiederherstellung gesunder Bewegungsorgane. Diese Ziele treffen die Definition der Huforthopädie, sodass erkennbar ist, dass jede gute Arbeit am Huf eine orthopädische sein muss. Auch ohne dass der Hufexperte mit diesem durchaus werbewirksamen Schlagwort besonders darauf hinweist.” Auch er lehnt die Hufbearbeitung mit Schablone und Winkelmaß ab: “Der individuelle Idealzustand kann .. erheblich von dem in der Literatur ausgewiesenen abweichen.”

Und auch er kennt den von Uwe Lukas zitierten Kompromiss zwischen Natur und Sport, den Schmied und Pferdebesitzer in Abhängigkeit von der gewünschten – und möglichen -- Nutzung des Pferdes finden müssen: “Je mehr Hufschutz, umso weniger Einschränkung bei der Nutzung. Je weniger Hufschutz, desto gesünder für das Pferd.”


Carsten Burchards kompletter Vortrag mit vielen Tips, wie man einen guten Huf-Fachmann erkennt:
www.besw.de/Pdf/Vortrag_Burchard_Dillenburg.pdf (pdf)

Weitere informative Texte zum Thema Hufschutz auf seiner Website www.ohne-huf-kein-pferd.de

[1] Zitat aus: Biernat, Rasch: Der Weg zum gesunden Huf, Müller Rüschlikon Verlag